PROVENIENZFORSCHUNG

Zu unseren Kernaufgaben gehört, die genaue Herkunftsgeschichte der Sammlungsgegenstände am Deutschen Optischen Museum zu erforschen. Parallel zur Neuerfassung unserer Bestände und zur Neukonzeption der Dauerausstellung sind wir daher intensiv mit der Provenienzforschung befasst. Nur so wird uns ein verantwortungsvoller Umgang mit unseren Sammlungsobjekten und deren angemessene Präsentation möglich.

Mit einer Sonderausstellung zum 1. Tag der Provenienzforschung informierten wir bereits im April und Mai 2019 zu den anstehenden Forschungsvorhaben.

Die Provenienzforschung nimmt vor allem jene Zeiträume in den Fokus, in denen es verstärkt zur unrechtmäßigen Aneignung von Kunst- und Kulturobjekten kam. Relevant für die Sammlung des Deutschen Optischen Museums sind die Zeit des Nationalsozialismus, der SED-Diktatur sowie potenziell koloniale Kontexte.

Die frühesten überlieferten Korrespondenzakten des Optischen Museums.

Als eine der ersten Einrichtungen in privater Trägerschaft und als eines der wenigen naturwissenschaftlich-technischen Museen in Deutschland erhalten wir für diesen Zweck Fördermittel vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste (www.kulturgutverluste.de).

FORSCHUNGSPROJEKTE

„INSIGHT D.O.M.“ – PROVENIENZFORSCHUNG ZU ANKÄUFEN; SCHENKUNGEN UND ERWERBUNGEN IM DEUTSCHEN OPTISCHEN MUSEUM ZWISCHEN 1933 UND 1945

PROJEKTENTSTEHUNG

Im Jahr 2018 übernahm die Stiftung Deutsches Optisches Museum den Betrieb des vormaligen Optischen Museums in Jena mit dem Ziel, die Sammlung dauerhaft zu bewahren, zeitgemäß auszustellen und für Forschungszwecke zu nutzen. Ein großer Teil der übernommenen Sammlungsbestände an musealen Objekten, Büchern und Archivdokumenten reicht bis ins Gründungsjahr 1922 zurück. Im Rahmen der Konzeption einer neuen Dauerausstellung setzte das Team das seit 2020 laufende Provenienzforschungsprojekt „INSIGHT D.O.M.“ auf. Gefördert wird das Projekt durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste (Projektbeschreibung - Proveana Datenbank Provenienzforschung).

ZIELE

Kernaufgaben des Projektes sind die systematische Erschließung der Provenienz zwischen 1933 und 1945 erworbener Sammlungsobjekte und der Nachweis bzw. Ausschluss etwaiger NS-Unrechtskontexte. Es arbeitet insbesondere mit den Sammlungsverantwortlichen und den Kuratoren des D.O.M. zusammen und bildet die inhaltliche und dokumentarische Basis für ein bewahrendes, forschendes, öffentlich vermittelndes und partizipatives Museum.

Reisesonnenuhr aus dem 18. Jahrhundert, erworben bei dem Frankfurter Kunsthändler Walter Carl.
Schiffskompass aus der Zeit um 1850, erworben bei dem englischen Sammler Thomas H. Court.

UMSETZUNG UND BISHERIGE ERKENNTNISSE

Den Ausgangspunkt zur Rekonstruktion der Objekterwerbungen im Untersuchungszeitraum bilden die hausinternen Archivalien. Zu den wichtigsten Quellenunterlagen zählen die erhaltenen Korrespondenzen zu den Erwerbungen, diverse Abrechnungslisten und Altinventare. Jene bisher unveröffentlichten ca. 500 Akteneinheiten, etwa 30 laufende Meter, werden gewissenhaft analysiert. Auf diese Weise konnte ermittelt werden, dass das Optische Museum in der Zeit von 1933 bis 1945 durch Ankäufe, Schenkungen und Tausch knapp über 1.500 Objekte erwarb. Hierbei handelt sich u. a. um Brillen, Fernrohre, Mikroskope, Sonnenuhren sowie knapp über 1.100 Guckkastenbilder.

Rekonstruierbare Objekteingänge des Optischen Museums der Jahre 1933 bis 1945, in Stück.

Die zwischen 1933 und 1945 getätigten Erwerbungen können mit insgesamt 69 Einlieferern in Verbindung gebracht werden. Darunter befinden sich u. a. Privatsammler, Optiker, Wissenschaftler und nicht zuletzt bekannte Kunsthändler wie Julius Carlebach, Walter Carl, Erich Junkelmann und Albert Voigtländer-Tetzner. Deren umfangreiche Angebotskorrespondenzen sind in dem Briefwechsel mit Moritz von Rohr, seit 1924 als geschäftsführender Leiter des Optischen Museums, fast lückenlos erhalten. In vielen Fällen geben diese Dokumente jedoch nur bedingt Auskunft über frühere Besitzer von Objekten und die genauen Umstände des betreffenden Erwerbs. Neben dem Zusammenführen und Verknüpfen vorhandener Informationen sind daher auch eingehende Recherchen in anderen Archiven notwendig. Vor allem zu den Biografien von Julius Carlebach und Walter Carl konnten auf diesem Wege einige bislang unbekannten Informationen gehoben werden.

Eine besondere Herausforderung der Provenienzforschung am D.O.M. bildet immer wieder die Identifizierung der mit den einzelnen Einlieferern verbundenen Objekte. Zumeist fehlte den Anbietern der betreffenden Gegenstände die Fachkenntnis, diese sachgemäß zu beschreiben. So wurden nicht selten einfach „Mikroskope“ offeriert. Im Optischen Museum war die Expertise zur korrekten Einordnung dieser Stücke beim Ankauf vorhanden. Wenn bei der Integration der betreffenden Objekte in die Sammlung keine konkreten Beschreibungen angefertigt wurden, gestaltet sich beispielsweise die Suche nach einem in den 1930er Jahre erworbenen „Mikroskop“ in der mehrere hundert Objekte umfassenden Mikroskop-Sammlung schwierig. Von Fall zu Fall, von Objektgattung zu Objektgattung, müssen daher immer wieder neue Identifizierungsmethoden entwickelt werden. Das Projekt „Insight D.O.M.“ steht daher in engem Austausch mit anderen Forscherinnen und Forschern, die sich ebenfalls mit der Frage nach der Herkunft von technischem Kulturgut in musealen Sammlungen beschäftigen. Erste Ergebnisse dokumentiert ein Sammelband, der als kostenfreie Onlinepublikation zugänglich ist. Weitere Veröffentlichungen sind in Vorbereitung.

 

Guckkastenbild, hergestellt Ende des 18. Jahrhunderts von der Kaiserlich Franciscischen Akademie der freien Künste und Wissenschaften in Augsburg, erworben zwischen 1933 und 1945.

RELEVANTE HISTORISCHE PERSONEN UND INSTITUTIONEN

Personal des Museums:

  • Moritz von Rohr (1868–1940), Geschäftsführer Optisches Museum
  • Hans Boegehold (1876–1965), nachfolgender Geschäftsführer Optisches Museum
  • Hans Harting (1868–1951), wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Carl Zeiss Jena und Mitglied der Geschäftsleitung
  • Carl Poppe (1872–1947), Verwalter der Sammlungen des Optischen Museums
  • Fritz Ortlepp (1897–1959), Verwalter der Sammlung des Optischen Museums ab 1946

Untersuchte Einlieferer von Objekten (Auswahl):

  • Julius Carlebach (1909–1964), Kunsthändler, Berlin
  • Walter Carl (1884–1956), Kunsthändler, Frankfurt am Main
  • Ernst Heinecke (1898­–?), Kunsthändler, Berlin
  • Max Harrwitz (1860–1942), Kunsthändler, Berlin
  • Alfred Henschel (1896–1944), Optiker, Hamburg
  • Otto Bettmann (1903–1998), Bildagent, Berlin
  • Kunsthandlung F.A.C. Prestel, Frankfurt am Main
  • Erich Junkelmann (1890–1964), Kunsthändler, München
  • Buch- und Kunstantiquariat Heinrich Tiedemann, Berlin
  • Curt R. Weiß (1895–?), Unternehmer, Berlin
  • Martha Günther (?–?), Altwarenhändlerin, München

 

PUBLIKATIONEN

 

SAMMELBAND

Ron Hellfritzsch, Sören Groß, Timo Mappes (Hg.): Technisches Kulturgut. Bd. 1: Zirkulation, Ansammlungen und Dokumente des Entzugs zwischen 1933 und 1945. Jena 2022.
>> Hier online abrufbar 

AUFSÄTZE

Sören Groß: INSIGHT D.O.M. Provenienzforschung am Deutschen Optischen Museum zu Objekteingängen zwischen 1933 und 1945. In: Museumsverband Thüringen e.V. (Hg.): Thüringer Museumshefte, 31. Jg., Heft 1: Provenienzforschung in Thüringen. Chancen und Perspektiven, S. 21-30.

Ron Hellfritzsch: „Der Mann ist für unsere Sammlung recht wichtig…“. Das Optische Museum in Jena und der Frankfurter Kunsthändler Walter Carl. In: Ron Hellfritzsch, Sören Groß, Timo Mappes (Hg.): Technisches Kulturgut. Bd. 1: Zirkulation, Ansammlungen und Dokumente des Entzugs zwischen 1933 und 1945. Jena 2022, S. 80-94.

Ron Hellfritzsch, Timo Mappes: 1922. Jena. Die optische Sammlung. In: Michael Grisko (Hg.): Moderne und Provinz. Weimarer Republik in Thüringen 1918–1933. Halle 2022, S. 147-151.

Sören Groß: Die Guckkastenbildersammlung des Deutschen Optischen Museums Sammlungsgenese – Erwerbungsrekonstruktion – Objektidentifizierung. In: Ron Hellfritzsch, Sören Groß, Timo Mappes (Hg.): Technisches Kulturgut. Bd. 1:  Zirkulation, Ansammlungen und Dokumente des Entzugs zwischen 1933 und 1945. Jena 2022, S. 50-79.

Sören Groß / Ron Hellfritzsch: Verantwortung – Aufarbeitung – Erinnerung. Provenienzforschung am Deutschen Optischen Museum Jena. In: Hans-Werner Hahn, Marko Kreutzmann (Hg.): Jüdische Geschichte in Thüringen. Strukturen und Entwicklungen vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen. Kleine Reihe, Bd. 64). Wien/Köln 2022, S. 404-425.

KONTAKT

Bei Fragen zum Forschungsprojekt INSIGHT D.O.M. wenden Sie sich bitte an:

Dr. Sören Groß

Telefon:
+49 3641 9 400 468

Ron Hellfritzsch, M.A.

Telefon:
+49 3641 9 400 468