PROVENIENZFORSCHUNG

Auf welchen Wegen gelangten die Objekte ins Museum? Wer waren die Einlieferer und Vorbesitzer? Zu unseren Kernaufgaben als forschendes und vermittelndes Museum gehört es, genauen Herkunftsgeschichten der Sammlungsgegenstände am Deutschen Optischen Museum zu erforschen. Parallel zur Neuerfassung unserer Bestände und zur Neukonzeption der Dauerausstellung ist unser Team der Provenienzforschung daher intensiv mit der Rekonstruktion der Sammlungsgeschichte und verschiedener Erwerbungskontexte befasst. Nur so wird uns ein verantwortungsvoller Umgang mit unseren Objekten aus verschiedenen Zeiträumen und deren angemessene Präsentation möglich. 

Die Provenienzforschung nimmt dabei vor allem jene Zeiträume in den Fokus, in denen es verstärkt zur unrechtmäßigen Aneignung von Kunst- und Kulturobjekten kam. Relevant für die Sammlungsgeschichte des Deutschen Optischen Museums sind die Überprüfungen der Zeiträume des Nationalsozialismus, der SED-Diktatur sowie des europäischen Kolonialismus.  

Eine Ansammlung von historischen Mikroskopen und Fernrohren, die während der Zeit des Nationalsozialismus von dem jüdischen Kunsthändler Julius Carlebach an das Optische Museum vermittelt wurden.

Bereits zum 1. Tag der Provenienzforschung  informierten wir im Rahmen einer Sonderausstellung im April und Mai 2019 über anstehende Forschungsvorhaben zur systematischen Aufarbeitung unserer Sammlungsgeschichte. 

Als eine der ersten Einrichtungen in privater Trägerschaft und als eines der wenigen naturwissenschaftlich-technischen Museen in Deutschland erhalten wir für diesen Zweck Fördermittel vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste (www.kulturgutverluste.de).

Die frühesten überlieferten Korrespondenzakten des Optischen Museums.

TECHNISCHES KULTURGUT

Unter dem Titel „INSIGHT D.O.M.“ wurde zwischen 2020 und 2024 das erste in Deutschland abgeschlossene langfristige Provenienzforschungsprojekt zu einer technikhistorischen Sammlung umgesetzt. Von dem Projekt ausgehend entwickelte unser Team der Provenienzforschung neue Methoden und Forschungsansätze und definierte den Begriff „Technisches Kulturgut“ als Bezeichnung für einen neuen Bereich in der Provenienzforschung. Um den Wissenstransfer auf diesem neuen Forschungsgebiet zu verstärken, gründeten wir zusammen mit dem Deutschen Technikmuseum Berlin, dem Deutschen Museum und weiteren Wissenschaftler*innen und Sammlungskurator*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz im Jahr 2022 die „Arbeitsgruppe Technisches Kulturgut“ des „Arbeitskreises Provenienzforschung e.V.“. Hier tauschen wir uns über aktuelle Forschungen, Erkenntnisse sowie zu Sammler- und Händlernetzwerken aus. 


Fachtagungen & Workshops: 

Zu verschiedenen Themen aus dem Bereich laden wir interessierte Referent*innen und Teilnehmer*innen zu jährlich stattfindenden Workshops und Fachtagungen an das Deutsche Optische Museum ein. 

Die Ergebnisse dieses Austauschs geben tiefe Einblicke in die Arbeit der Provenienzforschung und werden in der von uns herausgegebenen Reihe „Technisches Kulturgut“ der Öffentlichkeit präsentiert. Diese Bandreihe ist zugleich eine wichtige Hilfestellung für alle, die sich mit der Aufarbeitung und der Herkunft von Technischem Kulturgut befassen. 

 

Band 1: Zirkulation, Ansammlungen und Dokumente des Entzugs zwischen 1933 und 1945.
Band 2: Provenienzforschung zu Handel und Entzug.

Bestellbar sind unsere Publikationen unter info@deutsches-optisches-museum.de.

FORSCHUNGSPROJEKTE


„INSIGHT D.O.M.“ – PROVENIENZFORSCHUNG ZU ANKÄUFEN; SCHENKUNGEN UND ÜBERNAHMEN IM DEUTSCHEN OPTISCHEN MUSEUM ZWISCHEN 1933 UND 1945


Projekt

Das von 2020 bis 2024 laufende Projekt „INSIGHT D.O.M. – Provenienzforschung zu Ankäufen, Schenkungen und Übernahmen am Deutschen Optischen Museum zwischen 1933 und 1945“ ist integraler Bestandteil der Revitalisierung und des Ausbaus des früheren Optischen Museums in Jena zum Deutschen Optischen Museum (D.O.M.). Als eine zentrale Voraussetzung für die Neuausrichtung und den Relaunch der Institution zu einem herausragenden wissenschaftlich-technischen Spezialmuseum arbeitet das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste (Projektbeschreibung - Proveana Datenbank Provenienzforschung) geförderte Provenienzforschungsprojekt die Institutionsgeschichte des Optischen Museums sowie die Genese der vorhandenen Sammlungsbestände in der Zeit des Nationalsozialismus systematisch auf.

Hauptziel 

Ziel ist die gezielte Erschließung der Provenienz und der Nachweis bzw. Ausschluss etwaiger NS-Unrechtskontexte bei Objekten, die in der Zeit zwischen 1933 und 1945 in die Sammlung eingingen. Die Leitfrage, wie das Optische Museum und die Sammlung wissenschaftlicher Instrumente vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Kulturpolitik zwischen 1933 und 1945 als museale Institution geführt wurden, ist hierbei zentral. Zeitgleich bildet das Projekt den Beginn der Provenienzforschung am Deutschen Optischen Museum und sichert somit eine inhaltliche und dokumentarische Basis für ein bewahrendes, forschendes, öffentlich vermittelndes und partizipatives Museum. 

 

Untersuchungsschwerpunkt 

Gegenstand der Untersuchung sind die Sammlungseingänge der Jahre 1933 bis 1945. Bislang konnten 1.549 Ankäufe, Schenkungen und Erwerbungen als Objekteingänge in der Zeit des Nationalsozialismus rekonstruiert, erforscht und ausgewertet werden. Besonders waren hierbei die historischen Bestände an optischen Betrachtungsapparaten,  Mikroskopen, Messinstrumenten, Fernrohren, Opern- und Theatergläsern, Brillen sowie technikhistorische Buch- und Grafikbestände betroffen.  

 

Eine Reisesonnenuhr mit Kompass um 1700, hergestellt von dem Nürnberger Astronomen Johann Heinrich Müller. Die historische Inventarnummer im Behälter verweist auf das Kunstgewerbemuseums Düsseldorf. 1931 wurde die Sonnenuhr im Auktionshaus Otto Helbing von dem Frankfurter Kunsthändler Otto Müller ersteigert und 1935 bei dem Kunsthändler Walter Carl aus Frankfurt für die Sammlung des Optischen Museum erworben.
Ein Schiffskompass aus der Londoner Werkstatt von Cameron & Blakeney um 1850 mit historischer Inventarnummer aus dem Science Museum London von 1914. Das Optische Museum Jena erwarb den Kompass 1935 von dem englischen Sammler Thomas H. Court.


Umsetzung und bisherige Erkenntnisse 

Den Ausgangspunkt zur Rekonstruktion der Objekterwerbungen im Untersuchungszeitraum bilden die hausinternen Archivalien. Zu den wichtigsten Quellenunterlagen zählen die erhaltenen Korrespondenzen zu den Erwerbungen, diverse Abrechnungslisten und Altinventare. Jene bisher unveröffentlichten ca. 500 Akteneinheiten, etwa 30 laufende Meter, werden gewissenhaft analysiert. Auf diese Weise konnte ermittelt werden, dass das Optische Museum in der Zeit von 1933 bis 1945 durch Ankäufe, Schenkungen und Tausch 1.549 Objekte erwarb. Hierbei handelt sich u. a. um Brillen, Fernrohre, Mikroskope, Sonnenuhren sowie knapp über 1.100 Guckkastenbilder. Einen Forschungsschwerpunkt bildet hierbei das Jahr 1937, in dem allein 1.023 Objekte in die Sammlung eingingen.  

Rekonstruierte Objekteingänge des Optischen Museums der Jahre 1933-1945 in Stück.

Die zwischen 1933 und 1945 getätigten Erwerbungen können mit insgesamt 72 Einlieferern in Verbindung gebracht werden. Darunter befinden sich u. a. Privatsammler, Optiker, Wissenschaftler und nicht zuletzt bekannte Kunsthändler wie Julius Carlebach, Walter Carl, Erich Junkelmann und Albert Voigtländer-Tetzner. Deren umfangreiche Angebotskorrespondenzen sind in dem Briefwechsel mit Moritz von Rohr, seit 1924 geschäftsführender Leiter des Optischen Museums, fast lückenlos erhalten. In vielen Fällen geben diese Dokumente jedoch nur bedingt Auskunft über frühere Besitzer von Objekten und die genauen Umstände des betreffenden Erwerbs. Neben dem Zusammenführen und Verknüpfen vorhandener Informationen sind daher auch eingehende Recherchen in anderen Archiven notwendig. Vor allem zu den Biografien von Julius Carlebach und Walter Carl konnten auf diesem Wege einige bislang unbekannte Informationen gehoben werden. 

Eine besondere Herausforderung der Provenienzforschung am D.O.M. bildet die Identifizierung der mit den einzelnen Einlieferern verbundenen Objekte. Zumeist fehlte den Anbietern der betreffenden Gegenstände die Fachkenntnis, diese sachgemäß zu beschreiben. So wurden nicht selten einfach „Mikroskope“ offeriert. Im Optischen Museum war die Expertise zur korrekten Einordnung dieser Stücke beim Ankauf vorhanden. Wenn bei der Integration der betreffenden Objekte in die Sammlung keine konkreten Beschreibungen angefertigt wurden, gestaltet sich beispielsweise die Suche nach einem in den 1930er Jahre erworbenen „Mikroskop“ in der mehrere hundert Objekte umfassenden Mikroskop-Sammlung schwierig. Von Fall zu Fall, von Objektgattung zu Objektgattung, müssen daher immer wieder neue Identifizierungsmethoden entwickelt werden. 

 

Ein Guckkastenbild um 1740 aus dem Augsburger Verlag von Georg Balthasar Probst (1732-1801) mit einer historischen Ansicht des Deflter Marktplatzes. Erworben wurde das Guckkastenbild 1937 von dem jüdischen Kunsthändler Julius Carlebach.
Kreisdiagramm mit prozentualer Verteilung der im Projektzeitraum identifizierten, als Sammlungsverluste ermittelten und nicht identifizierten Objekte.


RELEVANTE HISTORISCHE PERSONEN UND INSTITUTIONEN


Personal des Museums:

  • Moritz von Rohr (1868–1940), Geschäftsführer Optisches Museum
  • Hans Boegehold (1876–1965), nachfolgender Geschäftsführer Optisches Museum
  • Hans Harting (1868–1951), wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Carl Zeiss Jena und Mitglied der Geschäftsleitung
  • Carl Poppe (1872–1947), Verwalter der Sammlungen des Optischen Museums
  • Fritz Ortlepp (1897–1959), Verwalter der Sammlung des Optischen Museums ab 1946


Untersuchte Einlieferer von Objekten (Auswahl):

  • Julius Carlebach (1909–1964), Kunsthändler, Berlin
  • Walter Carl (1884–1956), Kunsthändler, Frankfurt am Main
  • Ernst Heinecke (1898­–?), Kunsthändler, Berlin
  • Max Harrwitz (1860–1942), Kunsthändler, Berlin
  • Alfred Henschel (1896–1944), Optiker, Hamburg
  • Otto Bettmann (1903–1998), Bildagent, Berlin
  • Kunsthandlung F.A.C. Prestel, Frankfurt am Main
  • Erich Junkelmann (1890–1964), Kunsthändler, München
  • Buch- und Kunstantiquariat Heinrich Tiedemann, Berlin
  • Curt R. Weiß (1895–?), Unternehmer, Berlin
  • Martha Günther (?–?), Altwarenhändlerin, München

 

PUBLIKATIONEN

 

SAMMELBÄNDE

Ron Hellfritzsch, Sören Groß, Timo Mappes (Hg.): Technisches Kulturgut. Bd. 2: Provenienzforschung zu Handel und Entzug. Dresden 2024. 

Ron Hellfritzsch, Sören Groß, Timo Mappes (Hg.): Technisches Kulturgut. Bd. 1: Zirkulation, Ansammlungen und Dokumente des Entzugs zwischen 1933 und 1945. Jena 2022.


AUFSÄTZE

Sören Groß: Handel aus dem Untergrund. Der jüdische Kunsthändler Julius Carlebach als Schlüsselfigur zur Erforschung des verdeckten Handels mit historischen optischen Instrumenten im Nationalsozialismus. In: Ron Hellfritzsch, Sören Groß, Timo Mappes (Hg.): Technisches Kulturgut. Bd. 2: Provenienzforschung zu Handel und Entzug. Dresden 2024, S. 121–165. 

Ron Hellfritzsch: Ein Markt im „Kindesalter“? Die Erwerbungen des Optischen Museums Jena im Kontext des Handels mit historischen wissenschaftlichen Instrumenten vor 1945. In: Ron Hellfritzsch, Sören Groß, Timo Mappes (Hg.): Technisches Kulturgut. Bd. 2: Provenienzforschung zu Handel und Entzug. Dresden 2024, S. 99–120. 

Sören Groß: Seventh Junior Scholars Conference in Jewish History. Diaspora and Debris: Material Culture in German-Jewish History. In: Bulletin of the German Historical Institute (Washington DC), 72 (2023), Heft 2, S. 116–122. 

Ron Hellfritzsch: Walter Carl – ein Frankfurter Kunsthändler, in: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt (Hg.): Frankfurt am Main 1933–1945, https://www.frankfurt1933-1945.de/beitraege/kunst-und-kulturraub/beitrag/walter-carl-ein-frankfurter-kunsthaendler , erstellt am 23.04.2023.  

Sören Groß, Ron Hellfritzsch: Provenienzforschung Technisches Kulturgut: Händler, Museen, Sammlungen. In: Zeitschrift für Thüringische Geschichte, Bd. 77, Jena 2023, S. 309–315. 

Sören Groß, Ron Hellfritzsch: Technisches Kulturgut im Blick der Provenienzforschung. In: Museumsverband Thüringen e.V. (Hg.): Thüringer Museumshefte, 32. Jg. (2023), Heft 1: Klimawandel als Herausforderungen für naturkundliche Museen, S. 99-104.  

Monika Dorniak, Sören Groß: Ein Haus für die Steine. Wie Monika Dorniak und Sören Groß vergessener Geschichte neues Leben einhauchten. In: IN´s NETZ e.V. (Hg.): Künstlerische Tatsachen 2022, Jena 2023, S. 98–105. 

Sören Groß: INSIGHT D.O.M. Provenienzforschung am Deutschen Optischen Museum zu Objekteingängen zwischen 1933 und 1945. In: Museumsverband Thüringen e.V. (Hg.): Thüringer Museumshefte, 31. Jg., Heft 1: Provenienzforschung in Thüringen. Chancen und Perspektiven, S. 21-30.

Ron Hellfritzsch: „Der Mann ist für unsere Sammlung recht wichtig…“. Das Optische Museum in Jena und der Frankfurter Kunsthändler Walter Carl. In: Ron Hellfritzsch, Sören Groß, Timo Mappes (Hg.): Technisches Kulturgut. Bd. 1: Zirkulation, Ansammlungen und Dokumente des Entzugs zwischen 1933 und 1945. Jena 2022, S. 80-94.

Ron Hellfritzsch, Timo Mappes: 1922. Jena. Die optische Sammlung. In: Michael Grisko (Hg.): Moderne und Provinz. Weimarer Republik in Thüringen 1918–1933. Halle 2022, S. 147-151.

Sören Groß: Die Guckkastenbildersammlung des Deutschen Optischen Museums Sammlungsgenese – Erwerbungsrekonstruktion – Objektidentifizierung. In: Ron Hellfritzsch, Sören Groß, Timo Mappes (Hg.): Technisches Kulturgut. Bd. 1:  Zirkulation, Ansammlungen und Dokumente des Entzugs zwischen 1933 und 1945. Jena 2022, S. 50-79.

Sören Groß / Ron Hellfritzsch: Verantwortung – Aufarbeitung – Erinnerung. Provenienzforschung am Deutschen Optischen Museum Jena. In: Hans-Werner Hahn, Marko Kreutzmann (Hg.): Jüdische Geschichte in Thüringen. Strukturen und Entwicklungen vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Thüringen. Kleine Reihe, Bd. 64). Wien/Köln 2022, S. 404-425.

KONTAKT

Bei Fragen zum Forschungsprojekt INSIGHT D.O.M. wenden Sie sich bitte an:

Dr. Sören Groß

Telefon:
+49 3641 9 400 468

Dr. des. Ron Hellfritzsch

Telefon:
+49 3641 9 400 468